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Home Office – Wie Sie die Risiken zu Chancen umwandeln

Picture by Hannah Wei on Unsplash

Im Zuge der Digitalisierung und der damit verbundenen Möglichkeiten, stößt man sehr schnell auf das Thema Home Office. Dank Video Konferenzen, Google Docs, Slack und Co. scheint die Auswahl an Tools unbegrenzt. Arbeiten von wo und wann man will.
Als digitale Nomad*in wird der feste Arbeitsplatz im Büro mit Hilfe der technischen Unterstützung obsolet. Oder doch nicht?

Call Center Mitarbeiter*innen müssen sich nicht mehr in Großraumbüros, nur durch halbhohe Trennwände abgeschirmt, dem ganzen Tag einem enormen Lärmpegel aussetzen. Oder doch nicht?

Als Projektmanager*in kann können Sie die Konzeptions- und Planungsarbeit auch locker von zu Hause erledigen, abends wenn die Kinder schlafen. Oder doch nicht?

Home Office wird in vielen Unternehmen als Lockangebot verwendet. Es soll zeigen, wie individuell und modern man sich an die Bedürfnisse der Angestellten anpasst. Die Politik treibt das Ganze an, in dem das Arbeiten von zu Hause ganz plakativ und werbewirksam in das Wahlprogramm mit aufgenommen wird. Doch wie bei Allem ist es eben nicht ganz so einfach und nur positiv.

Die Auswirkungen auf das Unternehmen und vor allem auf die Menschen im Home Office werden dabei gern übersehen.

Ohne Frage, es ist unfassbar praktisch, von überall aus arbeiten zu können. Auch ich schreibe diesen Artikel gerade im Zug sitzend. Doch ist auch das leider kein von allein funktionierendes Modell.


Vorteile von Home Office

Die Pendelzeit fällt weg

Oft unterschätzt, aufsummiert aber dennoch ein nicht ganz unrelevanter Faktor. Statistisch verbringen wir mindestens 1 Stunde täglich damit zur und von der Arbeit zu pendeln. Das ist nicht nur eine Katastrophe für die Umwelt, sondern auch wertvolle Lebenszeit. Die Stunde täglich fehlt einfach. Bei einem klassischen 8 Stunden Tag, macht sich das deutlich bemerkbar. Der Stress und damit auch die psychische Belastung steigen. Und rein rechnerisch stehen Sie so dem Unternehmen inklusiver der Pausen nicht 8, sondern ca. 10 Stunden täglich zur Verfügung.

Arbeiten nach dem Biorhythmus

Wir haben alle unseren ganz eigenen Biorhythmus. Ich bin beispielsweise eine Lerche. Heißt morgens aktiv und dann gern ab 16 -21 Uhr wieder. Wenn ich mittags versuche mich einer anspruchsvollen Aufgabe zu widmen, kommt dabei selten etwas Sinnvolles heraus. Da ich das weiß, nutze ich die Zeit für andere Tätigkeiten, wie z.B. das Sortieren der Unterlagen für das nächste Training oder ich mache in dieser Zeit einfach eine Pause. Wenn ich jedoch in einem Büro sitze und auf Grund der Pendelei ja irgendwann gehen möchte, ist diese Strukturierung nicht ganz praktikabel. Was machen also viele? Sie quälen sich in ihren biorhythmischen Tiefpunkten durch die Aufgaben, um sie am Ende dann doch noch einmal zur Hälfte zu korrigieren. Sobald Sie Ihre Zeiten kennen, können Sie mit dem Home Office Modell also Ihre reine Arbeitszeit auch möglichst sinnvoll nutzen.


Keine Ablenkung

Wenn Sie in einem Büro arbeiten, in dem mehr Menschen sitzen als Sie, kennen Sie das Problem. Da klingelt das Telefon, hier kommt eine Kolleg*in zu Ihrer „Mitbewohner*in“, ein kleiner Schwatz zwischendurch und so weiter. Je mehr Menschen pro Büro desto mehr potenziert sich der Effekt. Zu Hause kann man sich eine Ruhezone schaffen. Haben Sie schon einmal eine Aufgabe, die eine hohe Konzentration bedarf, erledigt, als Sie allein im Büro waren? Wahnsinn was man da schafft….


Absicherung der Kinderbetreuung

Ein Punkt, der vor allem für berufstätige Paare oder allein Erziehende wichtig ist. Bei einem Vollzeitjob ist es nahezu unmöglich die Kinderbetreuung abzudecken. Mit dem Home Office ergeben sich ganz neue Optionen. Gut organisiert kann ich so als Elternteil auch eine 40 Stunden Woche und die Versorgung der Sprösslinge gewährleisten. So etwas, wie Kind-krank erledigt sich dann auch von selbst. Und es besteht so auch für die Väter die Chance mehr an der Erziehung teilhaben zu können.


Karrierechancen für Menschen mit Behinderungen

Menschen mit Behinderungen haben oft Schwierigkeiten bei der Arbeitsplatzsuche und später dann bei dem Weg zur Arbeit. Nicht alle Unternehmen sind bis auf den kleinsten Punkt behindertengerecht ausgestattet. Durch die Möglichkeit des Home Office, haben Unternehmen die Möglichkeit, die Potentiale der Menschen mit Behinderung voll auszuschöpfen.


Die Vorteile liegen auf der Hand und werden ja auch gern sehr breit angepriesen.Die Nachteile nehmen unbeachtet aber mindestens genauso viel Gewicht auf der Waagschale ein.


Die vergessenen Seiten des Home Offices und was Sie zur Vorbeugung unternehmen können

Fehlender Anschluss – geringe Mitarbeiterbindung

Die Ruhe zum Arbeiten hat leider auch die Kehrseite des fehlenden Anschlusses. Bindung beruht vollständig auf einer emotionalen Grundlage. Diese schaffen Sie zum Beispiel durch Erlebnisse und die Erfahrungen.
Haben Sie auch einen Lieblingssupermarkt, bei dem Sie genau wissen, wo jeder Artikel steht und wo sie seit Jahren einkaufen. Wir hatten den. Direkt um die Ecke. Jetzt sind wir umgezogen und etwas orientierungslos. Ein Teil unserer Ernährungsgewohnheiten war sogar an das Sortiment angepasst. Jetzt ist dieser zu weit weg und die Gewohnheiten müssen neue werden.
Je öfter wir an einem bestimmten Ort sind und je mehr Zeit wir da verbracht haben, umso größer ist die Verbindung zu dem Ort. Wenn dann noch positive Erlebnisse dazu kommen und Wohlfühlen erzeugt wird, haben sie die Basis für eine gute Bindung. Sind Sie durch Ihre Heimarbeit nicht Teil dieses Ortes oder nur virtueller Teil eines analogen Teams, fehlen dort elementare Anknüpfungspunkte.


Soziale Isolation

An der Arbeit verbringt man den Großteil seines Tages. Daher ist es nur logisch, dass in diesem Umfeld auch Anschluss gesucht wird. Freundschaften oder gar Beziehungen entstehen über den Job. Sie begegnen gerade in großen Unternehmen ständig neuen Menschen. Dass da jemand dabei ist der mit uns matched ist sehr wahrscheinlich. Der Home Office Arbeitsplatz bietet diese Möglichkeiten nicht. Selbst wenn es einen virtuellen Austausch mit Kolleg*innen gibt, bleibt dieser oft professioneller Art. Das klassische Küchengespräch fällt weg. Gerade, wenn man allein lebt, wird denjenigen so die Chance verwehrt sozialen Anschluss zu finden. Bei wem werden Sie dann Ihren Frust los, wenn Sie eine Kund*in angeschrien hat oder Ihr Vorgesetzte*r die Strategie zerpflückt hat?

Was tun?

Natürlich gibt es Menschen, die eine gewisse soziale Scheu haben und mit der Abgeschiedenheit auch sehr gut leben können. Dennoch sind wir alles soziale Wesen. Wir brauchen den Kontakt und den Austausch zu anderen.

  1. Etablieren Sie also für die Kolleg*innen im Home Office einen Bürotag. An diesem ist es verpflichtend für alle im Unternehmen anwesend zu sein. Planen Sie gemeinsame Mittagspausen, um auch einen privaten Austausch zu ermöglichen.
  2. Bilden Sie virtuelle Teams/ Patenschaften.
    Um soziale Bindungen und aber auch um den Informationsfluss zu gewährleisten sind regelmäßige Termine in virtuellen Teams hilfreich. Dort darf es dann auch gern einmal das klassische Küchengespräch sein. Schaffen Sie Zeit und Raum für den sozialen Austausch. Ein vorgegebenes Zeitfenster mit freien Inhalten wäre eine Variante für die Umsetzung.

Burn Out

Die Arbeit zu Hause kann den Stresspegel auch enorm in die Höhe treiben.
Die so nervige und zeitraubende Pendelei hat einen ganz großen Vorteil: Die räumliche Trennung. Auf der zurückzulegenden Strecke könne Sie sich vor Beginn auf die Arbeit einstellen und hinterher abschalten. Es gibt eine klare räumliche Trennung. Die Arbeit ist dort, wo Ihr Büro ist. Alle Sorgen, Frust und Ärger können Sie leichter dort lassen. Wird jedoch die Küche oder das Schlafzimmer zum Büro, sind diese dunklen Gefährten mit zu Hause. An dem Ort, an dem Sie sich erholen sollten.
Es ist hier natürlich auch ein vielfaches einfacher Überstunden zu machen. Das Handy ist eh mit dabei, also können Sie auch 22 Uhr noch abnehmen- es ist bestimmt wichtig. Sie merken natürlich schwerer, dass eigentlich schon lang Feierabend ist, weil keine der Kolleg*innen mehr da ist. Also kann die Aufgabe auch noch „schnell“ abgeschlossen werden. Und dann ist es eben mal wieder 23.45 Uhr geworden.


Kinderbetreuung

Haben Sie schon einmal im Home Office gearbeitet während Ihre Kinder zu Hause waren?
Und wie erfolgreich waren Sie?
Für Kinder ist es natürlich schwer zu differenzieren und zu erkennen, dass ihre Bezugsperson zwar physisch anwesend ist, aber psychisch im Büro. Es ist ja auch sehr verlockend zwischendurch eine Kuscheleinheit abzuholen.

Yvonne Lott hat es mit Ihrer Studie auf den Punkt gebracht: Die Rollenbilder verschärfen sich. Die Frauen bleiben der Hauptanker für die Kinderbetreuung. Und beide leisten im Home Office Überstunden. Die Männer ca. 4 Stunden pro Woche und die Frauen 1 Stunde.


Produktivität

Das Thema Home Office lässt Führungskräften gern die Schweißperlen auf die Stirn treiben. „ Wie kann ich denn so die Effektivität steuern?“. „ Wer weiß, was die dann zu Hause machen?“ „ Wie gewährleiste ich den gewünschten Output?“ etc..
Da der direkte Austausch fehlt kann man schwer einschätzen, in wie weit der einzelne Mitarbeiter*in nun wirklich ausgelastet ist.

Was tun?

  1. Schulen Sie Ihre Home Office Mitarbeiter*innen im Zeit-und Selbstmanagement.
    Die Arbeit von zu Hause entspricht in zahlreichen Aspekten der eines Selbstständigen. Man muss sich selbst motivieren und organisieren. Morgens wirklich pünktlich von Kaffeetisch an den Schreibtisch zu gehen, erfordert ein hohes Maß an Disziplin. Im Zuge der New Work Gedanken ist hier Kontrolle von außen der falsche Weg. Also klären Sie mit den betroffenen Mitarbeiter*innen unbedingt eigene Bedenken und unterstützen Sie sie diese bei der Selbstorganisation. Dazu gehört auch das Aufhören zu lernen.
  2. Schaffen Sie Nähe.
    Nach dem Motto „aus den Augen aus dem Sinn“ sind Mitarbeiter*innen, die nicht im direkten Blickfeld sind, schnell vergessen. Erzeugen Sie Nähe durch einen direkten Austausch. Eine persönliche Begrüßung am Morgen (bei vielen Home Office Mitarbeitern auch gern im Team). Holen Sie zwischendurch persönliches Feedback ab und verabschieden Sie die Mitarbeiter*innen auch zum Feierabend. Das machen Sie mit den Kolleg*innen im Büro schließlich auch.

Die Liste hat noch viel Erweiterungspotenzial. Dennoch geht es auch hier wieder darum, nicht Hals über Kopf Home Office anzubieten. Zu schnell wird dann wegen auftretender Probleme wieder zurückgerudert und festgestellt: „Das ist nicht für unser Aufgabenprofil geeignet.“
Nein. So einfach kann man es sich nicht machen.
Die Arbeit von zu Hause ist eine tolle Maßnahme. Es schafft Attraktivität für zahlreiche Fachkräfte, die wegen der privaten Situation den Job nicht annehmen könnten. Jedoch gilt es hier genau und sensibel auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen zu schauen.
Digital Leadership wird als weitere Kompetenz für die Führungsebene notwendig. Gleichzeitig auch die Bereitschaft zu lernen. Trägt das Home Office Konzept bei Ihnen noch nicht die erhofften Früchte? Dann reflektieren Sie das als Team und experimentieren Sie. Nehmen Sie aus jedem Schritt das Beste mit und prüfen Sie Stolpersteine. Kopierte Konzepte und Strategien funktionieren hier genauso wenig, wie bei allen anderen Führungsthemen.

Fazit: Mit einem realistischen Blick auf die Risiken, ist und bleibt es ein tolles Nebenprodukt der Digitalisierung.

 

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