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GASTBEITRAG: Ich stehe mit beiden Beinen im Leben

Photo by Nadine Shaabana on Unsplash

Name: Robert
Job: Strategisches Marketing
Alter: 35

Wer hat diesen Satz nicht schon einmal gehört oder ihn sogar selbst verwendet? Ich für meinen Teil nicht. Wieso auch? Welcher lebende Mensch steht denn nicht mit beiden Beinen im Leben? Kranke oder Menschen mit Behinderung vielleicht nicht.

Natürlich ist damit gemeint, dass Mann/Frau alles im Griff hat. Man Arbeit, ein Heim und vielleicht sogar ein Automobil sein Eigen nennt, sich seiner Stärken bewusst ist und seine Zukunft fest im Blick hat. Genauso wie seine Karriere.

Für mich bedeutet es, dass jemand funktioniert. Nicht aus der Rolle fallen möchte und dazu auch einen Partner benötigt, der funktioniert.
Aber können Menschen funktionieren?
Sollten Menschen überhaupt funktionieren?
Willfährigkeit hat uns in der Geschichte nur Kummer und Leid beschert. Was wäre ohne die unzähligen Frauen und Männer in der Menschheitsgeschichte, die über den berühmten Tellerrand hinaus gesehen haben?

Ich funktioniere nicht und dass hat mir schon mehr Probleme bereitet als mit lieb ist. Von der Schule geflogen, aus so manchen Job geschmissen worden und Menschen die mich entweder lieben oder hassen. Wenig Nuance dazwischen.

Dabei beginnt immer alles so harmlos. Ich begann meinen Job, weil man sich ja verwerten muss und es ist ja oft auch gar nicht so schlimm. Früh aufstehen, Zähneputzen, etwas Frühstücken, Arbeitskleidung anziehen und auf die Reise begeben. Wochen lang keine besonderen Vorkommnisse.

Doch dann passiert es. Ich muss mich auf einmal zwingen aufzustehen. Der morgendliche Ablauf kostet deutlich mehr Zeit. Sogar Atemnot hatte ich schon. Ich beginne zu spät zur Arbeit zu kommen. Erst passiert es einmal im Monat und ich entschuldige mich sogar. Dann immer häufiger. Bis es den Kollegen auffällt. Ich beginne Betriebsanweisungen zu ignorieren oder konsequent Überwachungsdefizite meiner Vorgesetzten auszunutzen. Usw usw…

Aber eben nicht mit wissentlicher Absicht. Also im vollen Bewusstsein. Man spricht in diesem Zusammenhang von passiv-aggressiven Verhalten. Der Geist wehrt sich instinktiv gegen ein aufgezwungenes Verhalten. Irgendetwas stört die innere Ruhe.



Der Geist wehrt sich instinktiv gegen ein aufgezwungenes Verhalten



Das Schulsystem war zu meiner Zeit nicht auf solche Eventualitäten vorbereitet. Meine Lehrer stammten allesamt aus der DDR. Es gab wenig Spielraum für Individualismus und Einzelförderung schon gleich gar nicht. Wenn ich als erster mit der gestellten Matheaufgabe fertig war, gab es als Belohnung mehr Aufgaben. Nicht etwa schwerere, nein einfach nur mehr. Als intelligenter Mensch gewöhnt man sich schnell ab, sich zu melden und zu kommunizieren, dass man fertig ist. Alles ist besser als den gleichen Mist weiter zu machen. Nun was macht man als junger Mensch mit seiner gewonnen Freizeit? Blödsinn. Zumindest im Auge der Lehrer. Mir erschien zu diesem Zeitpunkt, recht vernünftig.

Das gleiche erleben die Menschen in ihren Verwertungsfabriken. Man hat selten etwas von guten Leistungen, nur das man Quantitativ mehr arbeitet als der Rest. Ergo passt man sich erstaunlich schnell an das „vorgegebene“ Arbeitstempo an. Wer dennoch den Streber spielen möchte, hat es nicht leicht in so einer Bürogemeinschaft. Der soziale Druck regelt es in den meisten Fällen. Aber auch das ist passiv aggressiv.


Menschen funktionieren nicht!

Was mit Menschen passiert, die sich selber immer und immer wieder übergehen, sieht man an den stetig steigenden Zahlen von Burnout oder ähnlichen Krankheitsbildern. Der Mensch kann sich nicht mit einer Maschine messen. Warum auch? Der Traum der Menschheit ist es schon immer, sich von der Last der Arbeit zu befreien. Maschinen sollten in diesem Zusammenhang keine Konkurrenz sondern Erlöser sein. Sie sollten gepriesen werden und jeder einzelne Arbeitsplatz der durch eine Maschine erst werden kann, gefeiert werden. Ein Mensch mehr, der seine Freiheit von der Arbeit genießen kann.

Ja wenn da nicht der Kapitalismus wäre. Er sieht es eben nicht als Befreiung an, sondern als Kostenreduktion. Gleichzeitig als Druckmittel für andere Verwertungsfachangestellte, jedes Jahr ein bisschen effizienter zu werden oder ersetzt zu werden. Die Gesellschaft macht mit ihrer Arbeitsmoral den Rest.

Den Kapitalismus zu überwinden, würde allein an der gleichzeitig kapitalisierten Gesellschaft scheitern. Sorry für alle Rebellen und Revolutionäre, das wird wohl nichts nachhaltiges, ohne das eine Gesellschaftstransformation eingeleitet wird.

Ein Anfang wäre vielleicht, nicht mehr zu funktionieren und vor allem Menschen, die nicht mehr funktionieren (wollen) einen Platz zu geben. Die wenigsten wollen nicht mehr arbeiten. In den meisten Fällen, liegt es am falschen Arbeitsplatz, der falschen Tätigkeit oder an den Arbeitsbedingungen.


Druck ist kein guter Ratgeber.



Zumindest am letzten Punkt können Arbeitgeber positiven Einfluss nehmen. Moderne Strukturen, Fort- Ausbildungsmöglichkeiten, Gleitzeiten und es nicht immer so genau auf den Sekundenzeiger gucken. Druck ist kein guter Ratgeber. Der Mensch ist nicht perfekt und das macht jeden einzelnen auch zu etwas besonderen. Eben keine immer gleiche Maschine die funktioniert.

von: Robert Hübner

 

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